Gorch Fock – Seefahrt ist Not!

Nacherzählung

In Finkenwerder wird 1887 intensiver Fischfang betrieben. Der größte Teil der an der Elbe liegenden Fischereiflotte ist dort beheimatet. Dieser Roman erzählt die verhängnisvolle Beziehung des Fischers Klaus Mewes zu seinem mit Leidenschaft betriebenen, oft qualvollen, gefährlichen und dennoch geliebten Beruf. Dabei tritt der Sohn des Fischers (Klaus Mewes jr., genannt Klaus Störtebecker) in die Fußstapfen seines Vaters. Die Dialoge und Fischergespräche werden in Finkenwärder Platt geschildert.

Die Furcht vor der See

Berufswahl ohne Alternative

Jugend im Dorf und Vaters Fischerglück

Sommer: gemeinsame Fangreisen

Herbst, Sturm, Untergang

In der Gegenwart: Sohn ist Fischer geworden

 

Entliehen Wikipedia
Gorch Fock, Segelschiff der Bundesmarine – auf dem Zehn Mark Schein. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:10_DM_Serie3_Rueckseite.jpg#file

 

Die Furcht vor der See

Störtebecker kann es nicht erwarten: Er will, wie sein Vater, Ewer-Fischer werden. Während dieser (der Fischer Klaus Mewes) das so gut und in Ordnung findet und seinen Sohn dabei unterstützt (er bestellt beim Schuster schon mal die Fischerstiefel für ihn), möchte seine Mutter (Gesa Mewes) die Fischerkarriere ihres Sohnes verhindern: Das Sterben auf See ist für viele Familien in Finkenwerder bittere Realität und erschwert den Alltag der Seemannsfrauen, die permanent um die Wiederkehr ihrer Männer fürchten müssen.  Sie findet, Störtebecker solle mit der Seefahrt lieber noch warten.

Dabei stellt sich das Problem mit dem Meer für Störtebecker, vermittelt durch seinen Vater, ganz anders dar:

„Ne bange warrn! Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, weder auf dem Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht bange werden!“

 

Berufswahl ohne Alternative

Für ihn gibt es keine Alternative zum Fischerberuf und so verwendet er den größten Teil seiner Zeit damit, sich durch Nachspielen von Situationen auf See, Üben mit seinem eigenen kleinen Kahn auf der Elbe und in Gemeinschaft mit seinem Vater und der Mannschaft auf seine erste Reis (Fangfahrt) vorzubereiten.

Beim Netze flicken, am Ende des Winters, beschließen Schiffseigner Klaus Mewes, Kap Horn (erfahrener Schiffmann und Knecht von Mewes) sowie Hein Mück (der Schiffjunge), den im Eis festsitzenden Ewer (Fischerboot für die Schleppnetz Fischerei) zu befreien. Mit gemeinsamer Anstrengung der Dorfbewohner, gelingt es schließlich der Finkenwerder Fischereiflotte den Weg durch das Eis zum Elbfahrwasser zu brechen: Die Fischereisaison kann beginnen.

 

Jugend im Dorf und Vaters Fischerglück

Nur noch nicht für Störtebecker, der darf erst im Sommer mit. So beschäftigt er sich in der Zwischenzeit mit Kaninchenzucht, der Graben Fischerei und hat Umgang mit Sill, die eine alte Kate bewohnt und zu der viele Dorfbewohner deshalb ihre Schinken bringen, denn das Haus hat keinen Schornstein und gilt als die beste Räucherkammer „wiet und siet“. Wegen ihres harten Lebens ist sie aber auch etwas sonderbar geworden, weshalb sie als Hexe in Verruf steht. Einige der Dorfbewohner, die an so etwas glauben, benehmen sich dann ihrerseits etwas sonderbar, denn sie beziehen ihr Unglück auf die Sill und meinten: „Nu bün ik behext“.

In solchen Fällen tritt dann eine andere Figur der Finkenwerder Gesellschaft in Erscheinung: Tees to Baben.  Er ist Segelmacher und gilt als Spökenkieker (sieht wenn es spukt und hat seherische Gaben). So fungiert er als Hexenmeister, sieht in manchen Momenten die „Gebliebenen“, also die auf See verschollenen Fischer.

Mewes erweist sich unterdessen als glücklicher Fischer und guter Verkäufer. Während in Altona und St. Pauli die Fischer ihre Ware nur schlecht verkaufen können, erhält Gesa eine Postanweisung über 350 Mark sowie einen Brief von Klaus Mewes, der berichtet, er sei in Bremen und habe dort einen guten Markt vorgefunden, ob er schon nach der nächsten Reis nach der Elbe komme, wisse er noch nicht.

Der Verlauf einer Fangreise wird von Faktoren wie Windrichtung, Fangerfolg, Erreichbarkeit und Nachfrage der Märkte für den Absatz der Fische bestimmt. Bei der Fischerei werden die Netze (Kurren) von dem Segelschiff etwa 2 Stunden lang über den Meeresboden geschleppt. Danach wird die Kurre an Bord gezogen und der Kurrensteert (feinmaschiges Ende des Fangnetzes mit dem Fangerfolg) geleert, die Fische und Krebse werden sortiert und dann in den Bünn (Behälter mit Frischwasser Zufluss in der Mitte des Ewers, in dem die Schollen bis zum Verkauf gelagert werden) sortiert. Ist dieser Bünn voll, dann hat der Fischer „die Reis“ und fährt zu seinem Marktort.

 

Sommer: gemeinsame Fangreisen

Im Sommer 1887 darf Störtebecker mit auf See. Er wird in den Fischfang eingeführt, bereist  Helgoland und lernt die Nordsee und Bremen kennen. Seine Mutter Gesa wird unterdessen von Albträumen, in denen sie die Seenot von Mann und Sohn erlebt, gepeinigt.

Nach der Sonnenwendfeier, zu der in Finkenwerder die Karkmeß (ein Volksfest) gefeiert wird, brechen Klaus Mewes, Kap Horn und Hein Mück zu Störtebeckers zweiter Fangfahrt auf. Jedoch erschwert sich die Arbeit dadurch, dass jetzt Seezungen gefangen werden, die tiefer im Schlick sitzen und welche auf Eis zur Konservierung gelagert werden müssen. Störtebecker erlebt seinen ersten Sturm. Das Schiff wird dabei schwer beschädigt. Klaus Mewes überlegt, ob er den Jungen wegen der Gefahr besser abmustern sollte.

Mewes bleibt mit Störtebecker weiter in der Nordsee und beliefert Märkte an der Weser. Als im Dorf Gerüchte im Umlauf sind, Störtebecker sei über Bord gegangen und ertrunken, hält Gesa es nicht mehr aus: Sie fährt mit der Eisenbahn nach Bremen und holt dort ihren Sohn von dem Fischerboot.

 

Herbst, Sturm, Untergang

Im Herbst nach einem Aufenthalt in Finkenwerder fährt Mewes noch einmal auf Fangfahrt. Doch die Bedingungen für die Fischerei werden immer schlechter und gefährlicher: Die Fischer müssen weiter herausfahren, tiefer fischen: „Die Schollen müssen aus den Stürmen heraus gefischt werden.“ Prompt gerät er mit seiner Mannschaft in einen schweren Sturm. Trotz allen seemännischen Könnens sind sie den Naturgewalten nicht gewachsen. Und verlieren schließlich den Kampf um Leben und Tod.

„Er schrie weder auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße wie ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat und zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen glänzenden neuen Kutter mit leuchtenden weißen Segeln und bunten Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker… Grüßend winkte er mit der Hand… Fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und mooi Fang, mien Jung!…“

 

In der Gegenwart: Sohn ist Fischer geworden

Der Roman endet in der Gegenwartszeit der Erzählung: „Wir kurren in der Gegenwart”. Störtebecker ist ein junger Fischer geworden. Er besitzt einen Austernfischkutter:

„Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben: Aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwerer geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die Stürme hinein.

Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer. (…)

Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes (Störtebecker) und freut sich seines Schiffes und seiner Fahrt.“

Gelesenes Exemplar: Seefahrt ist Not! – Gorch Fock. Glogau Verlag, Hamburg 1977. Erstveröffentlichung 1912. Der Roman gliedert sechzehn Stremel (Abschnitte/Kapitel). In der Anlage befinden sich die Abbildung eines Ewers mit Bezeichnungen sowie zwei kleine Register mit seemännischen Ausdrücken und für plattdeutsche Wörter und Eigennamen.
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