Gorch Fock: Heimatliteratur und Rezeption

Bisher wurde der Hamburger Schriftsteller zumeist mit Heimatliteratur und weißen Segelschiffen in Verbindung gebracht. Doch wussten eine ganze Menge Menschen ihn auch anders zu verstehen?


image
Das Erscheinungsdatum (1912) von „Seefahrt ist not!“ fiel in einen Zeitraum, in dem die Fischerei mit Segelschiffen die Konkurrenz zu Dampf betriebenen Fahrzeugen bereits verloren hatte¹: Die Fangerträge und Einsatzmöglichkeiten der Segelfischerei, welche auf gute Windverhältnisse angewiesen war, um mit Muskelkraft und seemännischen Können dem Meer Erträge abzugewinnen, wurden immer schlechter. Zu groß waren darüber hinaus die Verluste an Menschen und Kapital. Bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung der industriell geführten Fischerei.

Johann Kinau (alias Gorch Fock), verdiente seinen Lebensunterhalt nicht mehr wie sein Vater als Fischer, sondern als Buchhalter. Er arbeitete parallel zur Schriftstellerei in einer Anstellung bei Hapag-Lloyd, der international größten Reederei, welche mit dem „Imperator“ das zu diesem Zeitpunkt zugleich größte Schiff der Welt unter Dampf hatte. Der Kontrast zwischen dem Mikrokosmos und dem Sozialgefüge des Fischerortes Finkenwerder, sowie den riesigen logistischen Notwendigkeiten der atemberaubend schnell wachsenden Stadt Hamburg und dem nach Weltgeltung strebenden Kaiserreich, dem Handel und der Industrialisierung, kann kaum größer sein.

Hapag-Lloyd Firmensitz / Wikimedia
Hapag-Lloyd Firmensitz / Wikimedia

Die enormen und rasant schnellen Veränderungen der Industrialisierung bedeuteten auch den drohenden Verlust der plattdeutschen Sprache und Identität. Diese lokal bestimmte, fast nur gesprochen vorkommende, alltägliche Sprache der Leute, verlor vor dem Hintergrund wachsender Mobilität und Bildungserfordernisse an Bedeutung. Daraus resultierten die erheblichen Bemühungen einer niederdeutschen Bewegung, durch die Zusammenstellung eigener Wörterbücher und insbesondere auch durch die Schaffung eigener plattdeutscher Erzählungen und Theaterstücken, diese Sprache zu sichern.

Gorch Fock wurde ein viel gelesener Schulautor: „Mit der Verankerung in den Lehrplänen begann die staatlich gesteuerte Rezeption seiner Schriften“ ²  bereits in der Kaiserzeit. Erst 1966 endete die Periode der Schullektüre mit der Streichung aus den Lehrplänen. Jedoch belegen weitere hohe Auflagen der Bücher Focks sowie Erhebungen der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen die Lesenachfrage auch in den 1980er Jahren ³.  Sein Hauptwerk „Seefahrt ist Not!“ wurde 2005  wieder aufgelegt und ist online frei verfügbar.

Aus heutiger Perspektive, wirken die Heroisierungen, dieses für ein Paar Fische in Kauf genommene Risiko seiner Helden um Leben und Tod, dieses Wollen ohne Grenzen, nicht nur unverständlich, sondern verrückt, fahrlässig oder grob unvernünftig. Mindestens so, wie aus heutiger Sicht ein Formel 1 Rennen mit den technischen Bedingungen von 1970 zu fahren.

Die Charakterisierung der Schriften Focks reicht von Abenteuerliteratur über Mundart- und Heimatliteratur, bis hin als einer vaterländisch-expansiven Literatur.

Die intensive Einbindung und Nutzung für nationalsozialistische Ideologie sowie durch die Jahrzehnte jeweils gültige Schulpädagogik und die zum Teil willkürliche Nutzbarmachung und Ausbeutung durch Angehörige, veranlassen einige Autoren eine kritische Neuedition seiner Werke und bisher unveröffentlichter Texte und Tagebücher zu fordern.

Der Nachlass des Autors befindet sich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.

 

 

¹ Klaas Jarchow: „Soweit, was Johann Kienau betrifft. Im Übrigen bin ich Gorch Fock“. Eine Sozioanalyse. In: „Liebe, die im Abgrund Anker wirft“ : Autoren und literarisches Feld im Hamburg des 20. Jahrhunderts / hrsg. von Inge Stephan und Hans-Gerd Winter. Hamburg [u.a.] : Argument, 1990 

² Rüdiger Schütt: „Beflaggt eure Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen!“. In: Gorch Fock – Mythos, Marke, Mensch : Aufsätze zu Leben, Werk und Wirkung des Schriftstellers Johann Kinau (1880 – 1916) / hrsg. von Rüdiger Schütt. Nordhausen : Bautz, 2010, S. 43.

³ Michael Töteberg, Zur Rezeption Gorch Focks sowie Dieter Möhn, Gorch Focks Roman „Seefahrt ist not“. Überlegungen zu einer Grammatik des Abenteuers. In: Gorch Fock: Werk u. Wirkung; Vorträge u. Diskussionen d. Kolloquiums Mundartliteratur, Heimatliteratur am Beispiel Gorch Fock am 25. Februar 1983 in Hamburg / hrsg. von Friedrich W. Michelsen.